HAZ_Artikel

"Heilsame Handarbeit"

Alternative manuelle Therapien sind mehr als nur Massagen: Sie basieren auf uraltem Wissen

von sabine littkemann

Behutsam tastet die Therapeutin den kleinen Kinderschädel ab. Ihre Hände wandern die Halswirbel­säule hinab, und immer wieder halten sie inne, drücken sanft, ziehen sachte. Ruth Hellmund ist mit ihren erfahrenen Hän­den Fehlspannungen und Blockaden auf der Spur, die Hannahs Beschwerden er­klären könnten. Das sechsjährige Mäd­chen hält seit einigen Wochen Kopf und Hals unnatürlich schief, die Ursache ist unklar. Es war schließlich Hannahs Kin­derarzt, der eine craniosacrale Therapie empfahl.
Das sogenannte craniosacrale System wurde von dem amerikanischen Medizi­ner und Osteopathen William G. Sutherland Anfang des letzten Jahrhunderts entdeckt und später zur craniosacralen Therapie als einem Teilbereich der Osteopathie weiterentwickelt. Sutherland hatte den Schädel des Menschen unter­sucht und dabei unter anderem den soge­nannten craniosacralen Rhythmus ent­deckt, der wie Herzschlag oder Atmung ein eigenständiger Körperrhythmus ist. Er entsteht vermutlich über die an- und abschwellende Bewegung des Gehirn­wassers (Liquor) und überträgt sich über das Rückenmark vom Schädel (Kranium) bis hin zum Kreuzbein (Sacrum). Zum craniosacralen System zählen die Osteo­pathen deshalb Schädelknochen und Kiefergelenke, Rückenmark und die es umgebenden Häute, Kreuzbein, Liquor und das Gehirn selbst. All diese Struktu­ren haben eine enge Verbindung etwa zum Nervensystem, zum Hormonsystem und zum Bewegungsapparat. „Über das craniosacrale System lässt sich eine Viel­zahl von Regelkreisen im Körper beein­flussen und eine große Bandbreite von Beschwerden behandeln", ist die 46-jäh­rige Physiotherapeutin überzeugt.

Craniosacrale Osteopathen ertasten den Puls des Liquors und gewinnen so wichtige Informationen für ihre Diagno­se und Therapie. Mit ihren geschulten Händen nehmen sie auch feine Bewegungen am Schädel und am übrigen Körper wahr und können so Span­nungen und Bewe­gungseinschrän­kungen im Gewe­be, im Fachjargon Dysfunktionen ge­nannt, lokalisieren. Mit sanften Druck­impulsen lösen sie die Dysfunktionen auf und stellen da­mit die Bewe­gungsfähigkeit der betroffenen Kör-perpartie wieder her. „In der Folge verschwinden auchdie Symptome, die dem Patienten zu schaffen gemacht haben, zum Beispiel Kopfschmerzen oder Verspannungen", erklärt Hellmund, die in Hannover eine Praxis für Physiotherapie und craniosa­crale Therapie betreibt. Bei der kleinen Hannah hat sie Bewegungseinschrän­kungen der Schädelplatten festgestellt. Dies führe möglicherweise zu einer Be­einträchtigung der austretenden Hirn­nerven und damit zu einer einseitigen Verspannung der Halsmuskulatur. Hell­mund will die Beweglichkeit der Schä­delknochen wiederherstellen, um den Druck auf den Nerv zu verringern. „Da­mit gebe ich dem Körper Hilfe zur Selbst­hilfe, und die Halsmuskulatur kann sich wieder lockern."

Wer sich in die Hände von Brigitte Scholz begibt, hat dagegen meist Proble­me mit dem Bauch und dessen Innenle­ben. Die Heilpraktikerin und Physiothe­rapeutin mit Praxis in Hannover arbeitet vor allem mit den inneren Organen des Menschen und praktiziert - ergänzend zur craniosacralen Therapie - die so ge­nannte viscerale Osteopathie. Auch in die­ser osteopathischen Disziplin gilt: Nur wenn die Organe in ihrer freien Beweg­lichkeit im Bauchraum nicht gestört wer­den, funktionieren sie auch richtig. Denn mit jedem Atemzug, mit jeder Rumpfbe­wegung verschieben sich die Organe von Bauch, Becken und Brustkorb unwillkür­lich gegeneinander. „Wenn es im Bauch hakt, sei es durch Operationen und Nar­ben, aber auch durch Atemeinschränkun­gen, eine schlechte Körperhaltung oder verspannte Rumpfmuskeln, gibt es Pro­bleme", sagt Scholz. Über Bauch- und Rückenschmerzen, massive Blähungen und Verstopfung klagt etwa eine 46-jährige Patientin, die unter Gallensteinen leidet. Eine operative Entfernung der Galle möchte die gestresste Mutter nach Möglichkeit umgehen. Scholz muss nicht lange tasten, um sich ein Bild zu machen. Zahlreiche Bauch­operationen haben bei der Frau zu in­neren Verwach­sungen und Ver­klebungen ge­führt, die nun die Verdauungsorgane schwächen. Leber und Galle sind durch die Gallen­steine gestört. „Diese Beeinträchtigungen im Oberbauch setzen sich fort bis zur Brustwirbelsäule, mit dem Resul­tat, dass der Rücken hier auch wehtut", sagt die Therapeutin. Die Ursache eines Schmerzes liegt nach Ansicht der Osteo­pathen ohnehin oft an anderer Stelle im Körper. So können sich etwa chronische Magenprobleme mit Schmerzen im linken Schulter- und Nackenbereich bemerkbar machen.
Die osteopathische Diagnose ist bereits die halbe Therapie: Mit denselben tasten­den und drückenden Handgriffen, mit denen die 53-jährige Therapeutin die Or­gane und die sie umhüllenden Muskel-und Bindegewebe ertastet hat, beginnt sie nun, die Narben auf dem Bauch der Patientin zu „mobilisieren", Verklebun­gen zu lösen und Stauungen zu beheben. Der Druck ist an manchen Stellen sogar schmerzhaft. „Gallensteine wegzaubern kann ich natürlich nicht", wirft Scholz ein, „aber vielleicht das Leben mit ihnen beschwerdefrei gestalten." Am Ende der einstündigen Behandlung fühlt sich der Bauch der Patientin jedenfalls weich an. Schmerzen und Druckgefühle haben sich förmlich in Luft aufgelöst - alles nur Ein­bildung? Doch auch Craniosacraltherapeutin Ruth Hellmund bringt mit sanften Griffen verblüffend Heilung: Nach nur drei Sitzungen kann die kleine Hannah ihren Hals wieder aufrichten. Die Sechs­jährige ist begeistert, denn wehgetan hat nichts.

Die Osteopathie wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still (1828 bis 1917) entwickelt, der nach Möglichkeiten such­te, Krankheiten ohne Medikamente oder Operationen zu behandeln. Still ging da­von aus, dass Leben immer in Bewegung ist und sich somit auch alle Bereiche im Körper ständig bewegen. Damit meinte er neben Knochen, Muskeln und Gelen­ken auch alle inneren Organe und Struk­turen. So schlägt das Herz, weitet sich die Lunge, und es bewegt sich der Darm. Je­der Beweglichkeitsverlust bedeutet auch eine Schwächung oder Erkrankung der betroffenen Struktur. Osteopathen er­tasten die Beweglichkeitseinschränkun­gen mit den Händen und korrigieren sie. Gelingt dies, werden die Selbstheilungskräf­te aktiviert.
Osteopathen unter­scheiden drei Behand­lungsbereiche: Die parietale Osteopathie be­handelt mechanische Beschränkungen des Bewegungsapparates, die viscerale Osteopa­thie behandelt innere Organe, die craniosakrale Therapie Gehirn, Schädel, Kiefergelenke und zentrales Nerven­system. Die Grenzen zwischen den Berei­chen sind fließend, da Spannungs- und Druckveränderungen im Körper oft weitrei­chend und subtil sind. Nach Still kann der menschliche Organis­mus ohnehin immer nur als Einheit betrachtet und behandelt werden.
Anders als etwa in den USA ist die Ausbildung zum Osteopathen in Deutschland nicht gesetzlich geregelt und die Berufsbezeichnung nicht ge­schützt (außer in Hessen!). Bei der Wahl eines Therapeuten sollten Sie darauf achten, dass er eine fundierte osteopa­thische Ausbildung (in der Regel fünf Jahre) und möglichst einen weiteren Heilberuf wie Physiotherapeut oder Heilpraktiker vorweisen kann. Eine ostheopathische Sitzung kostet 50 bis 60 Euro. Gesetzliche Kassen übernehmen diese Kosten nicht. Weitere Informatio­nen gibt es beim Verband der Osteopa­then unter www.osteopathie.de.

HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG
NR. 161 • DIENSTAG, 14. JULI 2009